17
04

casual jesus


gottrockt

Spread the word, funky chick!

non scholae...

»Neu erfundener Lust=Weg zu allerley schönen Künsten und Wissenschafften. Welcher bestehet in einer besondern Erfindung, wie die zarte Jugend durch bey Hilffe gewisser darzu bequemen Bildern gantz spielend den ersten Haubtgrund deß ABC und Buchstabierens erlernen und selbige dadurch fast ohne Lehrmeister in gar kurtzer Zeit zum völligen Teutsch-, Frantzösisch- und Lateinischen lesen und schreiben perfectionirt werden können. Wegen verhoffenden sonderbaren Nutzens der Jugend vorgestellet, Nürnberg, 1778.«

So lautet der knackige Titel einer aufklärerischen Leselernfibel, die ich der Frau Mama (neuestes Kurativ zur Behandlung des senioralen Ennuis: antiquarische Bücher) abgeschwätzt habe. Ich wünschte, ich hätte in meiner »zarten Jugend« ein derart formidables Opus zur Hand gehabt. Aber nein, unser Lehrbuch hieß Uli, der Fehlerteufel und war von eher schlichtem Zuschnitt. Im Lust=Weg geht's dagegen existenziell zu; dort lernt der willfährige Eleve alles, was ihn für die Widrigkeiten des Lebens rüstet. Woraus er ist, beispielsweise: Inmitten der säkulare Seelenersatz, umgeben vom harten Gerüst. Wovon er sich nährt: von Feinem und Deftigem. Doch, ach, einst muß er den Weg allen Fleisches gehen: Dann kommt der Schnitter und schon liegt er darnieder, bevor er zur Ruhe gebettet und über sein Schicksal entschieden wird. (So viel Jenseits muß sein!) Doch auch praktische Hinweise betreffs lebensverlängernder Maßnahmen sind Bestandteil des Curriculums: der Gebrauch gar nützlicher Gerätschaften, etwa dieser oder dieser. Sogar berufsberatend wird gewirkt. Wie wär's damit? Selbst die potentiellen Globalplayer sind bestens vorbereitet: Ihm oder gar ihm zu begegnen – kein Problem! (Man ist ja schließlich dreisprachig.) Gewiß ist, daß der fleißige Zögling seinen Weg machen wird. [...], was ihn schrecken könnte. Und wenn er nicht spurt, ergeht's ihm schlecht.

16
04

autrefois

Au second petit-déjeuner: Sushi et Champagne.
Ce n'est pas le seul cliché, que je vais manquer.

15
04

odi et amo

Lettres de cachet waren im Grunde eine praktische Sache: Ohne Rechtfertigung, ohne juristisches Aufhebens einen mißliebigen Zeitgenossen ins Verderben schicken. Ach, goldene Zeiten! Wäre ich ein Sonnenkönig, unterzeichnete ich derer jetzt, ohne Zögern oder Mitleid, mindestens zwei und verspräche einem dienstbaren Geist einen sorglosen Lebensabend, vollstreckte er meine Weisung unverzüglich. Leider nur bin ich kein Sonnenkönig – nicht einmal ein Graupelschauerkönig.

Vor Jahren, als mich ein kunsthistorisch verbrämtes Interesse an österreichischen Blut-und-Mösenfilmen zum Stammgast im hiesigen Bahnhofsviertel werden ließ, fragte mich eines Nachts ein Zwielicht namens Juri nach etwaigen Begehrlichkeiten, die der junge Herr wohl haben könnte: »Brauchst Du Koka?« – »Nein, hab ich.« – »Brauchst Du Waffe?« – »Nein, hab ich.« - »Hast Du Feinde?« -- Damals zuckte ich konsterniert zusammen. Heute würde ich Namen und Adressen nennen.

05
04

07
03

Kelch, vorübergegangener

Frau Yps verzichtet. Gut für mein sprachliches Mimosentum, schlecht für die Kabarettisten. Die standen gewiß schon etliche Stunden vor dem Spiegel und übten sich darin, im Gestus mitleiderregender Unbeholfenheit (vulgo: Volksnähe) Rüsselsheimer Zischorgien à la »soziale Gereschdischkeit« oder »öffentlische Sischerheit« von sich zu geben.

04
03

strcktckn

Struck stärkt Beck den Rücken.

Ein idealer Satz für die Vorurteilspflege der Romanophonen. Und ob sich vielleicht eine Deutschschweizerin oder – noch besser – eine Tirolerin fände, die mich mit einem Audiofile erfreute?

Karfiol

Alors, Freunde der feuilletonistisch relevanten Literatur: Folgen Sie diesem Link und genießen Sie die Hörprobe. –

Zurück? Alsdann, ein Zitat: »Radikal, drastisch und ebenso zart. Ich erinnere mich nicht, ein Debüt-Manuskript in der Hand gehabt zu haben, so sicher, so mutig und so voller Gegenwart wie dieses.« Nein, diese glühende Eloge stammt nicht von Bernhard Strittmatter (sic!), dem ersten Vorsitzenden des Berufsverbands der Coloproktologen Deutschlands e.V., sondern vielmehr vom Ehrenpräsidenten der logorrhoischen Intellektuellendarsteller Deutschlands – ja, von Roger Willemsen, dem »missing link zwischen Alfred Biolek und Andreas Türck« (Henryk M. Broder).

Nicht doch, keineswegs wollen wir darüber raisonnieren, welche Affinitäten Patient W. zu den analen Regressionen ingrimmig verruchtoider Endzwanzigerinnen mit der in Dichterdenkerlightland unvermeidlichen Karriere »von Viva zu 3sat« pflegt; unser Augenmerk gilt vielmehr der stupenden Treffsicherheit, mit der Wuschelrodscher einmal mehr den germanistisch grazilen Zeigefinger an den Puls der Zeit legte: Sind doch Charlottens Feuchtgebiete gerade einmal zwei Wochen nach Erscheinen zur unangefochtenen literarischen Sensation des Jahres Nullacht avanciert: Amazon-Verkaufsrang #1 (die Eroberung der Spiegelliste wird zweifellos folgen), die einschlägigen Gazetten haben ihre Reverenzen schon abgeleistet, die Fernsehrunde ist bestens abgezirkelt: Kerner am 6., Raab am 19. und lovely Frau Dorn am 28. März; naturgemäß (Th.B.) verspätet die trefflichen Nachbarn – die Herren Grissemann und Stermann empfangen Ms. Roche am 29. Mai.

Und jetzt? Literatendämmerung, bis Schorf über die Sache gewachsen ist? Klar, Kehlmann & Co. können heuer einpacken. (Die Unterhosenflecken Wittgensteins würden's da auch nicht mehr rocken.) Eine Hoffnungsträgerin wäre womöglich Nora Tschirner, vorausgesetzt, sie befolgt meinen Rat: Kombiniere sie, Nora, die Desiderata des Lesers von heute! Mein Titelvorschlag: Wie ich mir auf dem Jakobsweg einen Vaginalpilz einfing. Doktor Willemsens Lobpreisung dürfte Dir sicher sein.

22
02

derubato

»Guten Morgen. Polizei!« – Es gibt durchaus reizvollere Arten, geweckt zu werden. Ungleich unerfreulicher allerdings war der Anblick, den die müden Augen gewahrten, als mich die freundlichen Herren vom 4. Revier am Corpus delicti über den Grund ihres frühen Besuchs aufklärten: La Bella Nera war über Nacht geschändet worden. Dort, wo eine Scheibe sein sollte, steckten die kümmerlichen Reste geborstenen Verbundglases. Die unglaubliche Beute: Eine kleine graue Tasche, die ich gestern im Kofferraum vergessen hatte. Inhalt: Ein verschwitztes Leibchen, Sporthose und -schuhe, ein Handtuch (auch nicht mehr ganz frisch). Desweiteren ein wenig Post. Jetzt weiß man in gewissen asozialen Milieus zumindest, welche kolossalen Honorare im Sektor Kunst & Kultur zu holen sind. (Die Lachtränen können sie sich ja mit dem miefigen Handtuch abwischen.) Das einzig Wertvolle blieb unberührt: Die wunderbare Aufnahme von Schumanns 1. und 3. mit dem Orchestre des Champs-Elysées unter Philippe Herreweghe. »Idioten!«, meinte der Kommissar. Oh ja. Und daß ich in den nächsten Tagen mit einem lustigen Sixt-Smart durch die Gegend gurken darf, nehme ich dem Pack so richtig übel.

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